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Manche Entscheidungen kosten Unternehmen Millionen. Nicht weil sie falsch sind. Sondern weil sie nie getroffen werden.
Das Leben bietet selten die perfekte Speisekarte
Manche Entscheidungen kosten Unternehmen Millionen. Nicht weil sie falsch sind. Sondern weil sie nie getroffen werden. Das Leben bietet nämlich selten die perfekte Speisekarte.
In Unternehmen wird vieles gemessen. Umsatz. Kosten. Reklamationen. Produktivität. Was in keiner Kennzahl auftaucht, sind die Kosten des Zögerns. Das Gespräch mit einem Kunden, das seit Wochen aufgeschoben wird. Die Idee, die niemand ausspricht. Die Entscheidung, die jeden Tag vertagt wird. Gerade diese nicht getroffenen Entscheidungen kosten Unternehmen oft mehr als falsche Entscheidungen. Denn während Fehler sichtbar werden und bearbeitet werden können, bleibt Zögern häufig unbemerkt. Zögern bremst Menschen, Teams und manchmal ganze Unternehmen.
Warum Perfektion Entscheidungen verhindert
In meiner Arbeit begegnen mir selten Menschen, die nicht entscheiden können. Ich begegne eher Menschen, die möglichst perfekt entscheiden wollen. Sie möchten alle Informationen sammeln. Jedes Risiko ausschließen. Sicher sein. Das klingt vernünftig. Doch absolute Sicherheit gibt es kaum. Wer auf den perfekten Zeitpunkt wartet, übersieht leicht, dass auch das Warten eine Entscheidung ist.
Die Restaurant-Metapher: Drei Wege zur Entscheidung
Stell dir vor, du gehst mit Freund*innen in ein Restaurant. Der Kellner reicht dir die Speisekarte und empfiehlt dir die Lasagne.
Nun hast du drei Möglichkeiten. Du entscheidest dich gleich für die Lasagne. Du schließt die Speisekarte. Der Kellner tippt deine Bestellung ein. Du lehnst dich zurück, beteiligst dich am Gespräch und freust dich auf dein Essen. Es ist Bewegung entstanden.
Oder du entscheidest dich gegen die Lasagne und nimmst stattdessen eine andere Speise. Auch hier geht es weiter.
Vielleicht schmeckt dir die Lasagne gar nicht. Oder du merkst, dass die Lasagne doch die bessere Wahl gewesen wäre. Beides ist kein Problem. Beim nächsten Besuch kannst du dich neu entscheiden. In der Zwischenzeit bist du in beiden Fällen satt geworden und hast den Abend mit deinen Freund*innen genossen.
Wenn Zögern zum Stillstand führt

Nur die dritte Möglichkeit hält alles auf. Du sagst zum Kellner: „Ich brauche noch ein paar Minuten.“ Aus fünf Minuten werden zehn. Dann zwanzig. Du beobachtest, was an den Nachbartischen serviert wird. Du vergleichst. Du überlegst. Vielleicht fragst du noch jemanden nach seiner Empfehlung. Währenddessen wartet der Kellner. Das Gespräch am Tisch zieht an dir vorbei. Die anderen essen bereits. Du bist immer noch mit deiner Entscheidung beschäftigt. Und irgendwann schließt die Küche und du gehst hungrig nach Hause. Nicht, weil du falsch entschieden hast. Sondern weil du gar nicht entschieden hast.
Genau so erleben viele Menschen ihren Berufsalltag. Nicht das Ja kostet Kraft. Nicht das Nein. Sondern das dauerhafte „Ich brauche noch ein bisschen Zeit“. Während die einen längst Erfahrungen sammeln, sitzen andere noch vor ihrer inneren Speisekarte.
Ein Praxisbeispiel aus der Supervision
Ein Beispiel aus einer Supervision der vergangenen Woche: Eine Mitarbeiterin hatte die Möglichkeit, ein neues, interessantes Projekt zu übernehmen. Ihre Führungskraft hatte ihr die Leitung direkt angeboten. Es war eine Chance, sichtbar zu werden.
Doch sie zögerte. Traute sie sich das zu? War der Zeitpunkt richtig, mit zwei kleinen Kindern zuhause? Was, wenn sie scheitern würde? Was, wenn eine Kollegin, die mehr Berufserfahrung hatte, das Projekt besser machen würde?
Tage vergingen. Sie holte sich mehrere Meinungen ein. Nur eine Person sprach sie nicht an: ihre Führungskraft. Sie wartete auf den Moment, in dem sich alles sicher anfühlen würde. Der Moment kam nicht. Stattdessen erfuhr sie, dass die Kollegin das Projekt übernommen hatte. Sie hatte einfach Ja gesagt.
In der Supervision saß mir die Mitarbeiterin gegenüber. Nicht enttäuscht über die Absage, sondern über sich selbst. „Ich wollte es ja“, sagte sie, „aber ich war mir so unsicher.“
Genau das ist die dritte Option aus dem Restaurant. Der Kellner hatte ihr die Lasagne empfohlen und sie wog ab, verglich, zögerte hinaus. Und während sie noch überlegte, servierte er die Lasagne längst woanders.
Wer zu lange wartet, verliert Chancen
Nicht jede Geschichte endet so. Aber sie erinnert uns an etwas Wichtiges: Wer seine Entscheidung zu lange vertagt, riskiert, dass andere sie für ihn treffen. Manchmal übernimmt das Leben, manchmal andere Menschen oder die Umstände. Und: Hundertprozentige Sicherheit gibt es im Vorhinein sehr selten. Sicherheit kommt erst danach.
Karriere entsteht durch Entscheidungen
Karriere entwickelt sich selten deshalb, weil jemand immer die perfekte Entscheidung im richtigen Moment trifft. Sie entsteht, weil jemand mit der Klarheit, die heute da ist, Position bezieht. Eine Entscheidung ist kein endgültiges Urteil. Sie ist der nächste Schritt.
Wer lange zögert, verliert das, was er sich eigentlich wünscht: Sichtbarkeit. Vertrauen. Einfluss. Denn andere erleben nicht, wie intensiv jemand nachgedacht hat. Sie erleben nur, ob jemand Orientierung gibt und bereit ist, eine klare Entscheidung zu treffen.
Führung beginnt lange vor einem Titel oder einer Position. Sie beginnt dort, wo jemand Verantwortung übernimmt, diese klar nach außen kommuniziert und die ersten Schritte setzt.
Wenn du vor einer Entscheidung stehst, frage dich nicht zuerst: „Was ist die perfekte Lösung?“ Frag lieber: „Welche Entscheidung bringt wieder Bewegung in meine Situation?“ Erst wenn die Speisekarte geschlossen ist, beginnt das eigentliche Leben.
Titelbild Fotocredit: Matjaz Stefanic



