Samstag, Mai 30, 2026
StartCLOSEUPEntschuldigen oder Verantwortung übernehmen? Warum der Unterschied über unsere Karriere entscheidet

Entschuldigen oder Verantwortung übernehmen? Warum der Unterschied über unsere Karriere entscheidet

Fehler passieren. In jedem Unternehmen, in jeder Berufssparte, auf jeder Ebene. Das ist keine Schwäche. Das ist Realität. Und dennoch vermeiden viele Menschen das Wort „Fehler“, als würde allein seine Aussprache Kompetenz infrage stellen. Interessanterweise steckt im Wort Fehler die gleichen Buchstaben wie in Helfer. Vielleicht, weil uns Fehler manchmal genau dorthin führen, wo Entwicklung beginnt.

Was über Karrieren entscheidet, ist nicht, ob jemand Fehler macht. Sondern, wie jemand danach handelt. Genau hier gibt es zwei Wege, die auf den ersten Blick identisch aussehen, doch fundamental verschieden sind. Fehler machen ist menschlich. Verantwortung übernehmen ist Haltung.
Ein Mensch, der einen Fehler macht und ihn zugibt, tut etwas sehr Wichtiges: Er ist ehrlich. Das ist wertvoll. Aber diese Ehrlichkeit allein ist noch kein Übernehmen von Verantwortung. Denn Verantwortung beginnt dort, wo Ehrlichkeit aufhört, „bequem“ zu sein. Sie beginnt mit den Fragen: „Woran lag es? Was von meinen Entscheidungen und Nicht Entscheidungen, von meinem Tun oder meinem Unterlassen hat zu diesem Ergebnis beigetragen?“ Diese Fragen dienen nicht der Selbstkritik. Sie schaffen Klarheit. Sie ermöglichen Lernen.
Menschen, die Fehler zugeben, sagen: „Es ist passiert.“ Menschen, die Verantwortung übernehmen, sagen: „Ich war Teil davon, denke darüber nach, lerne daraus und mache es das nächste Mal anders.“

Was andere wirklich wahrnehmen

In meiner Arbeit mit Teams und Führungskräften beobachte ich immer wieder dasselbe Muster: Wer nach einem Fehler in Erklärungen flüchtet, Umstände aufzählt oder die Energie vor allem darauf verwendet, nicht schuldig zu wirken, der verliert genau das, was er zu schützen versucht: Glaubwürdigkeit. An dieser Stelle möchte ich einen Ausspruch meiner Mutter erwähnen: „Wer sich rechtfertigt, ist recht fertig!“ Wer hingegen klar benennt, was war, was er daraus mitnimmt und wie es weitergehen soll, gewinnt etwas, das niemand kaufen kann: Vertrauen. Vertrauen von Kolleginnen, Mitarbeitenden, Kundinnen ist das eigentliche Startkapital jeder Karriere.

Verantwortung zeigt sich im Umgang mit Fehlern

Der blinde Fleck: Verantwortung als Risiko

Wer Verantwortung übernimmt, Entscheidungen trifft und einen Weg vorgibt, macht sich angreifbar. Die Resultate könnten von den erhofften abweichen. Die Zahlen könnten nicht stimmen. Fehler können passieren.

Ein Beispiel aus meiner Unternehmerzeit:
Ich hatte in Wien ein Unternehmen für Kaffee und Getränkeautomaten. Die Geräte gehörten uns, wir befüllten und warteten sie. Zwei Mitarbeiter, zwei Fehler beim selben Kunden, beide mit denselben Konsequenzen: verärgerter Kunde, entgangener Gewinn, ein zweiter Einsatz, um den Schaden zu beheben. Ich rief beide Mitarbeiter an. Die Reaktionen hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Mitarbeiter A entschuldigte sich und erklärte: Es sei viel los gewesen, er stand unter Zeitdruck, so etwas könne eben passieren.
Mitarbeiter B entschuldigte sich ebenfalls und kam noch während des Telefonats zu der Überlegung, dass er sich eine neue Routine angewöhnen würde, auch wenn diese etwas umständlicher wäre.
Gleicher Fehler. Völlig unterschiedliche Haltung.
Verantwortung zeigt sich in der Entscheidung, wie ich mit einem Fehler umgehe.

Ein weiteres Beispiel, diesmal aus einem Coaching:
Eine Führungskraft berichtete mir von einer Entscheidung, die sie getroffen hatte. Sie hatte sich gegen den Rat eines Kollegen für einen neuen Lieferanten entschieden. Die ersten Monate liefen gut. Dann gab es heftige Lieferverzögerungen. Und sofort war die Frage im Raum: „Wessen Entscheidung war das?“
Ich fragte meinen Klienten, wie er damit umgegangen war. Er erklärte, relativierte, verwies auf unvorhersehbare Umstände. Vieles davon stimmte sogar. Aber die Energie floss weg von der Verantwortung. Ähnlich meinem Mitarbeiter A.
Gemeinsam erarbeiteten wir einen anderen Weg: klar benennen, was war. Festhalten, was er sich daraus für die Zukunft mitnimmt, beispielsweise bei neuen Lieferanten künftig eine längere Testphase einzuplanen. 
Gleiche Situation. Eine andere Haltung und damit zukünftig ein anderes Ergebnis.

Karriere entsteht durch Haltung

Fehler sind kein Gegenbeweis von Kompetenz. Fehlermachen und Dazulernen gehen Hand in Hand mit Verantwortung. Sie sind kein Ausnahmefall, sondern ihr ständiger Begleiter. Oft sind sie genau der Boden, durch den Wachstum und Weiterentwicklung möglich werden. 
Wer Verantwortung übernimmt, zeigt, dass er die Situation versteht. Dass er sich nicht hinter Umständen versteckt. Dass er handlungsfähig bleibt, auch wenn es unbequem ist.

Eine Frage, die hilft

Wenn ich mit Menschen in solchen Momenten arbeite – nach einem Fehler, einem Scheitern, einer schwierigen Entscheidung – stelle ich oft eine einzige Frage: „Welche Version von dir möchtest du sein, wenn du das nächste Mal Verantwortung übernimmst?“ Diese Frage trennt Opferhaltung von Verantwortung. Sie trennt Erklären von Gestalten. Und sie bringt Menschen zurück in ihre eigene Handlungsfähigkeit. Genau dorthin, wo Karriere entsteht.
Nicht durch perfekte Entscheidungen. Nicht durch fehlerfreie Lebensläufe. Sondern durch die Bereitschaft, im entscheidenden Moment zu sagen: Das gehört zu mir. Ich lerne dazu.

Karriere braucht eine klare Haltung. Und sie ist am Ende das Einzige, das zählt.

Bild Andrea Hrovat Fotocredit Matjaz Stefanic

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Andrea Hrovat
Andrea Hrovat
Andrea Hrovat, Teamtrainerin und Speakerin für Impulsintelligenz und Entscheidungskompetenz
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